MI – Kunstgalerie und koreanische Köstlichkeiten

Ausflug in die authentische koreanische Küche

Nicht nur das Konzept, eine Kunstgalerie mit einem Restaurant zu kombinieren, ist außergewöhnlich – das Essen ist es auch. Nirgendwo sonst kann man in Wiesbaden so authentisch koreanisch essen wie in der Kunstgalerie MI bei Ho-Jeong Reinbacher.

Es ist kein klassisches Restaurant mit einer Speisekarte und vielen Gerichten im Angebot. Schon gar keins mit seitenweise durchnummerierten Speisen. Es gibt nämlich nur ein Gericht, das wöchentlich wechselt und auf einer Tafel geschrieben steht. Genauer gesagt gibt es zwei, denn es gibt immer auch eine vegetarische Alternative. Das Fleischgericht kostet 16 Euro, (außer Haus 15 €), das vegetarische Gericht 13 Euro (außer Haus 12 €). Dazu werden immer eine (Miso-) Suppe, Tee und verschiedene kleine Beilagen gereicht. Allen voran natürlich Kimchi – das koreanische Nationalgericht, welches bei keiner Mahlzeit fehlen darf. Dieses hier ist selbstverständlich hausgemacht und schmeckt genauso, wie ich es aus Korea kenne. Der scharf-säuerlich eingelegte, mit Salz, Ingwer, Chilli und Knoblauch marinierte und fermentierte Chinakohl ist mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack, aber wer Kimchi mag, wird dieses hier lieben.

Frau Ho-Jeong Reinbacher aus Seoul serviert nicht nur ein Gericht, sondern ein Stückchen Kultur. Meist erzählt sie etwas zu den Speisen und ihrem Heimatland. Und das ist besonders schön, etwas vom Land und seinen Traditionen zu erfahren, in einen Kulturaustausch zu treten. Die gebürtige Koreanerin ist mit einem Deutschen verheiratet, der die Werke seines Vaters, des bekannten Wiesbadener Malers Bruno Reinbacher (1913-1993), Mitbegründer der Gruppe Real, in den Räumlichkeiten ausstellt.

2015 haben sie das Projekt, Kunst & Genuss kombiniert anzubieten, in der Nettelbeckstraße 21 gestartet. Die Idee, beides zu vereinen, ist so gut angekommen, dass sie, nachdem das Haus in der Nettelbeckstraße verkauft wurde, nach einer neuen passenden Räumlichkeit gesucht haben. Frau Reinbacher erzählt, dass viele Stammgäste mitgeholfen und sich umgehört haben, eine passenden neuen Ort zu finden. Seit 2019 bedient Herr Reinbacher nun die Gäste in der heutigen Location in der Goebenstraße, während seine Frau in der Küche steht.

Man fühlt sich hier ein bisschen wie in einem privaten Wohnzimmer. Eine Stehlampe, ein Sofa, ein Bücherregal – es wirkt heimelig. Die Räumlichkeit ist ein wenig verschachtelt und es gibt verschiedene Räume und Ebenen. Neben den Kunstwerken von Bruno Reinbacher, finden sich auch einige Antiquitäten sowie koreanische Accessoires. In einem Raum kann man (wie früher traditionell in Korea üblich) an einem ganz niedrigen Tisch auf dem Boden in einer Art Séparée sitzen. Ich selbst habe die Vorliebe der Koreaner für Séparées bei meinen Reisen durchs Land kennengelernt. Genauso wie das Faible fürs Karaoke-Singen, gerne auch in Séparées, aber das nur eine Anekdote am Rand.

Zurück zum Essen: Was tischt Frau Reinbacher auf? Ich würde es als koreanische Hausmannskost bezeichnen. Sie kocht traditionell, so wie sie es zu Hause gelernt hat. Die ehemalige Tänzerin sagt, dass sie die Gäste gar nicht frage, was sie mögen und das Essen auch nicht an den deutschen Gaumen anpasse. Gut so. Und trotzdem schmecke es allen immer. Und wer asiatisch nicht mag, komme eh nicht ins MI, ergänzt Herr Reinbacher.

Ich kenne das MI nun schon einige Zeit und muss sagen, dass es mir immer sehr gut geschmeckt hat. Man bekommt hier ab und an zum Beispiel den mittlerweile auch in Deutschland bekannten koreanischen Klassiker Bibimbab – ein Reisgericht mit verschiedenen Gemüsesorten, scharfer Sauce und Ei, das in einer Schüssel oder einem heißen Steintopf serviert wird und bei welchem der Gast dann alle Komponenten selbst verrühren darf/soll, denn so wird es klassischerweise gegessen.

Manche Köche bereiten Bibimbap nach den Regeln der Fünf-Elemente-Theorie zu, die besagt, dass grüne Zutaten gut für die Leber seien, gelbe gut für den Magen, weiße gut für die Lunge, schwarze gut für die Nieren und rote gut fürs Herz.

Wie bedacht die Zutaten auch zusammengestellt sein mögen, welche ästhetischen oder sonstigen Kochkonzepte auch immer zugrunde liegen, die Schönheit wird noch vor dem Essen mit ein paar wenigen Bewegungen der Essstäbchen zerstört. Denn das ist das Prinzip von Bibimbap: Alles wird miteinander vermengt zu einer undefinierbaren, nicht besonder ansehnlichen, aber umso schmackhafteren Masse. Das besagt schon der Name der Gerichts: Der Name 비빔밥 bibimbap ist ein zusammengesetztes Nomen aus 비비다 bibida, deutsch ‚mischen, umrühren' und 밥 bap, deutsch ‚Reis', was so viel heißt wie „umgerührter Reis. Wahlweise mit Rindfleisch oder vegetarisch, dann eben einfach ohne Fleisch oder mit Tofu.

Gerade darin aber scheint mir der besondere Reiz von Bibimbap zu liegen: Es ist ein Gericht, das sich wie ein Kunstwerk präsentieren kann, wie ein Manifest ästhetischer Reflexion. Und dann darf es einfach miteinander vermengt werden und weckt früheste Kindheitserinnerungen, wo man häufig essen geknetet und vermengt und darin herumgerührt hat. Vielleicht berührt es deswegen so . Der schöne Anblick dauert ein paar Sekunden und dann verwandelt es sich in etwas, was man im Englischen vielleicht als Comfort-Food bezeichnen würde. Ich liebe Bibimbab – für mich ist es der Inbegriff von koreanischem Soulfood, bei dem man sich mit jedem einzelnen Löffel wohlige Gefühle in den Mund und ins Gemüt löffelt.

In Korea wird es häufig auch in einem heißen Steintopf serviert, worin man das rohe Ei zusammen mit dem Rest schnell verrührt, so dass es anfängt, zu stocken. Im MI wird das Bibimbab mit einem Spiegelei on top serviert.

Auf der anderen Seite gibt es auch so ein einfaches Gericht wie Kim, geröstete Algenblätter, in die man Reis wickelt, zusammen mit den kleinen Beilagen ergibt das ebenfalls ein tolles Gericht, von dem ich nicht wüsste, wo ich es sonst in Wiesbaden bekäme. Der Reis weist hier zudem noch eine kleine Besonderheit auf: es ist nicht einfach nur weißer Reis, Frau Reinbacher mischt immer noch etwas mit drunter, z.B. Hirse oder Naturreis. Sie möchte den Reis auf diese Weise aufwerten, da der weiße geschälte Reis nicht so viele Nährstoffe enthalte. Dass habe sie auch bei ihren Kindern schon immer so gemacht und auch wenn das natürlich Mehraufwand für sie bedeutet, macht sie es so. Sie sei schließlich daran gewöhnt. Sie tut dem Gast etwas Gutes, ohne es an die große Glocke zu hängen und die meisten merken es gar nicht, weil es geschmacklich keinen großen Unterschied macht. Nur Menschen, die sehr genau und bewusst schmecken und kauen, werden vielleicht die etwas festere Struktur von Naturreis, Hirse oder sonstigem Getreide im Mund spüren.

Viele kommen auch, um ihr Essen mitzunehmen und bestellen vor, was es für Frau Reinbacher auch besser handelbar macht. Die Gäste bringen Tupperware mit oder das Essen wird in einer nachhaltigen Box aus Zuckerrohr gegeben. Dazu verpackt Frau Reinbacher die Box in koreanischer Manier in ein Seidentuch zu einem kleinen Päckchen. Das sieht nicht nur hübsch aus, sondern vermeidet jede Menge Plastiktüten-Müll. Da Essen bleibt zudem länger warm und die Box lässt sich auf diese Weise auch besser tragen. Schönheit und Geschmack – beides ist in der koreanischen Kultur wichtig und verbirgt sich hinter dem Namen „MI“. 

Nur leider scheint nicht jeder Gast verstanden zu haben, dass die Tücher zurückgegeben werden sollen. So vermisst Frau Reinbacher gerade die besonders hübschen Tücher, die ihre Schwester teilweise aus ihrer Tanzkleidern genäht hat. Die Art, Speisen oder Dinge in Stoffbündel zu verpacken, bezeichnet man im Koreanischen als „Bottari“, eine alte Tradition, die heute noch bei besonderen Anlässen wie Geschenken oder bei Hochzeiten lebendig wird.

Kein Stoffbündel, aber ein Glas werde ich mir auf jeden Fall bei meinem nächsten Besuch mitbringen, um mir eine große Portion Kimchi zu kaufen und daheim ein bisschen das kulinarische Korea zu zelebrieren.

FAZIT: Hier gibt’s Kunst & Kulinarik unter einem Dach: Authentisches, koreanisches Essen abseits des Asia-Mainstream in einer einzigartigen Atmosphäre mit angeschlossener Kunstgalerie mit Bildern des Wiesbadener Malers Bruno Reinbacher. Kimchi- das koreanische Nationalgericht wird zu jedem Essen gereicht und kann auch für daheim gekauft werden.

INFO

MI – Kunstgalerie und koreanische Köstlichkeiten

Goebenstraße 20

65195 Wiesbaden
T: 0172-6100658

ÖFFNUNGSZEITEN

Di – Fr: 12 – 14 Uhr und 18 – 20 Uhr

Sa/So/Mo: geschlossen

 
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